Haltung · Körper · Stil
Mit 60+ anziehen, was man will. Weil man es kann.
Auf dem Weg zur Toilette, mitten in einer Silvesternacht, sprach mich eine Frau auf mein Outfit an. Es war nicht das erste Mal an diesem Abend. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.
Pailletten, Rücken frei, und der erste gemeinsame Einkauf
Silvester ist für meinen Partner und mich seit Jahren ein kleines, feines Ritual. Es begann damit, dass wir das erste Mal gemeinsam einkaufen gegangen sind für ein Silvestermenü, das wir dann zusammen gekocht haben. Er war überrascht, dass das ohne Spannung oder Streit geht. Ich nicht. Drei Jahre später ist es noch immer Genuss pur.
Und dann das Outfit.
Beim ersten gemeinsamen Silvester: ein kurzes rückenfreies Paillettenkleid in Braun. Dazu ein farbiger Nylonstrumpf, ein Stiefelchen mit leichtem Absatz. Wir haben getanzt, die ganze Nacht. Wir sind aufgefallen. Als Paar, aber auch ich für mich. Auf dem Weg zur Toilette, in der Schlange davor, sprachen mich Frauen an. Auf das Kleid, auf die Energie, auf das Gesamtbild.
Das Jahr darauf: ein langes schwarzes Kleid, durchsichtig. Darunter ein schwarzer Body mit langem Arm, halterlose Strümpfe, ein bequemer 8-cm-Absatz von Tod's. Goldene, auffällige Ohrringe. Und Red Roses von Jo Malone. Ein Duft, der leider nicht mehr vertrieben wird, und über den ich trotzdem noch heute wohlwollende Kommentare bekomme, wenn ich ihn trage.
Mein Partner wird von fremden Menschen für die tolle Frau an seiner Seite gelobt. Er sagt dann immer: „Ja, ich weiß.“ Und küsst mich.
Was das alles mit 60+ zu tun hat
Es gibt keine Altersgrenze dafür, sich schick, mutig, weiblich anzuziehen.
Ich habe keinen Modell-Körper. Ich habe Falten, und die Zeichen der 60+ sind sichtbar. Ich habe auch ein sichtbares Lymphödem. Aber nichts davon hält mich ab, mich nach Lust, Laune und Anlass zu kleiden.
Ich sage das nicht, um mutig zu klingen. Ich sage es, weil ich es schlicht für wahr halte.
Irgendwann haben viele Frauen meiner Generation gelernt, sich zu entschuldigen. Für den Körper, für das Alter, für den Anspruch. „Für mein Alter noch ganz okay.“ „Das kann ich mir mit meiner Figur nicht leisten.“ „Mit 60 trägt man das nicht mehr.“
Wer sagt das eigentlich? Und warum hören wir zu? Noch schlimmer: Warum glauben wir das?
Stil als Haltung, nicht als Leistung
Was ich an diesen Silvesternächten gelernt habe, ist das: Stil ist keine Frage des Körpers. Er ist eine Frage der Entscheidung. Ich entscheide, wie ich mich zeige. Ich entscheide, was zu mir gehört. Ich entscheide, dass ein rückenfreies Kleid kein Recht ist, das man sich erst verdienen muss durch Jugend, durch Konfektionsgröße, durch irgendwelche ungeschriebenen Regeln.
Ein Stück, das wirklich sitzt in Schnitt, Qualität und Aussage tut etwas mit einem. Es verändert, wie man in einen Raum geht. Wie man tanzt. Wie man den Blicken begegnet, die kommen.
Luxus gehört Ihnen. Nicht weil Sie ihn verdient haben. Sondern weil Sie ihn wollen.
Das ist auch der Gedanke hinter Second Chapter. Ich kuratiere Stücke, die ich selbst tragen würde oder getragen habe. Stücke, die über das Offensichtliche hinausgehen. Ein durchsichtiges schwarzes Kleid, das mit dem richtigen Body zur stärksten Aussage des Abends wird. Ein Absatzschuh, der bequem ist und trotzdem Haltung gibt. Ein Ohrring, der den ganzen Look trägt.
Diese Stücke gehören Frauen, die wissen, was sie wollen. Oder die gerade dabei sind, es herauszufinden.
Wenn Sie sich fragen, ob Sie „das noch tragen können“ — ich behaupte: Die Frage ist falsch gestellt.
Die richtige Frage ist: Wollen Sie es?
— Christa, Gründerin Second Chapter