Unsichtbar? Ich glaube, das haben Sie verwechselt

Haltung · Körper · Stil

Heute bin ich bunt durch Hamburg spaziert — und alle haben geschaut.

Der Spaziergang

Bahnhof, Spitalerstraße, Mönckebergstraße, Ballindamm, Jungfernstieg. Ein ganz gewöhnlicher Dienstag, außer dass ich heute entschieden habe, Farbe zu tragen. Keine Zurückhaltung, kein Beige als Schutzwall. Farbe.

Was dann passierte, hat mich ehrlich gesagt nicht überrascht, aber es hat mich berührt. Menschen haben geschaut. Gemustert, ja, aber auch gegrüßt. Zurückgelächelt. Eine Frau hat mich auf meinen Mantel angesprochen, eine andere einfach genickt, dieses stille Nicken, das Frauen untereinander kennen. Ich bin 63. Und ich bin aufgefallen.

Unsichtbar? Nein. Ganz und gar nicht.

„Unsichtbarkeit ist kein Schicksal. Sie ist eine Entscheidung und man kann sie rückgängig machen.“

Die Jahre, die uns formen

Ich will ehrlich sein: Es gab Jahre, die nicht leicht waren. Die Wechseljahre haben mich gefordert, mental und körperlich. Etwa zehn Jahre, in denen sich vieles verschoben hat. Der Schlaf wurde unruhiger, die Leistungsfähigkeit ließ nach, und die Frage „Wie will ich eigentlich leben?“ wurde immer lauter. Ich habe sie mir nicht verboten. Ich habe sie zugelassen.

Was auf der anderen Seite wartet, kann ich jetzt beschreiben: ein Gefühl von Ruhe. Von Ankunft. Ich habe meinen Platz im Leben gefunden. Nicht weil alles perfekt ist, sondern weil ich aufgehört habe zu kämpfen gegen das, was ich bin. Ich bin in mir. Das ist keine Phrase. Das ist das Schönste, was ich über diese Zeit sagen kann.

Und dieses Gefühl von innen. Das trägt man. Das sehen andere.

Den Raum nehmen, der uns zusteht

Ich glaube nicht, dass Alter ein Grund ist, etwas zu lassen. Nicht das Reisen, nicht die Freude, nicht die Farbe. Nicht den Raum. Ich bin 63, körperlich gesund, lebe neugierig und ich habe keine Lust, mich kleiner zu machen, als ich bin. Weder im Leben noch im Kleiderschrank. 

Christa Weidner trägt bunt: Bluse von Paul Smith

Was mich antreibt: Ich möchte jüngeren Frauen zeigen, was sie erwartet. Nicht als Warner, nicht als Ratgeberin, sondern als jemand, der schon da war und sagen kann: Es wird gut. Es wird sogar besser. Diese Haltung, diese Freiheit, dieses Ankommen in sich selbst, darauf können Sie sich freuen.

Und so, wie ich mir für mein jüngeres Ich Unterstützung gewünscht hätte, tue ich heute einiges dafür: als Mentorin bei MentorMe, mit Second Chapter und mit den Stücken, die ich kuratiere und mit Texten wie diesem.

„Wir müssen uns den Raum nehmen, der uns zusteht und uns sichtbar machen.“

Heute bin ich bunt durch Hamburg gelaufen. Menschen haben geschaut. Und ich habe zurück gelächelt. Nicht weil ich um Aufmerksamkeit gebeten habe, sondern weil ich da war. Ganz. Sichtbar. Und mit Freude.

Das wünsche ich Ihnen auch.

— Christa, Gründerin Second Chapter