Warum es Second Chapter gibt

Mit 60+ ein neues Kapitel aufzuschlagen, das klingt nach Mut. Für mich fühlt es sich eher nach Konsequenz an.

Drei Jahrzehnte war ich mein eigenes Produkt.

Dreißig Jahre lang war ich Beraterin und Change Managerin. Ich begleitete Unternehmen durch Transformationen, half Organisationen, sich neu zu erfinden, und unterstützte Menschen dabei, Veränderungen nicht nur zu überstehen, sondern zu gestalten. Was ich verkaufte, war unsichtbar und dennoch real: Erfahrung, Haltung, Mut, Strategie, Wertschätzung, Urteilsvermögen.

Nach Corona veränderte sich das Arbeiten grundlegend: Nach viel Reistätigkeit verbrachte ich Immer mehr Zeit im Home Office. Immer weniger realen Kontakt. Dazu kamen die schärferen Regeln zur Scheinselbstständigkeit, die uns selbständigen Beratern die Zusammenarbeit mit den Kunden-Mitarbeitenden erschwerte. Was früher selbstverständlich war, gemeinsam mit Menschen in Unternehmen zu arbeiten, auf Augenhöhe, nah dran, wurde zunehmend eingeschränkt. Verboten. Damit war es kaum noch möglich, einen guten Job zu machen. Nicht weil mir das Können fehlte, sondern weil mir der Zugang zu den Mitarbeitenden untersagt war, um die es geht. 

Im Frühjahr 2026 traf ich eine Entscheidung, die sich längst angekündigt hatte: Ich beende meine Beraterinnen-Karriere. Bewusst. Dankbar. Und ohne Wehmut.

Mein Wunsch war und ist, einen Raum zu schaffen, zu dem Menschen gerne kommen. 

Eine Idee, die sich ihren eigenen Weg bahnte.

Kurz danach entwickelte sich die Idee zu Second Chapter. Ausgelöst durch ein leeres Ladenlokal auf der Langen Reihe, das mich inspirierte. Es ist kein sorgfältig geplantes Geschäftsmodell, sondern ein echtes Bedürfnis. Ich will etwas Greifbares, etwas mit Substanz. Einen Ort, an dem hochwertige Dinge ein zweites Leben, eine zweite Chance bekomme. Ich will Frauen begegnen, die ähnlich denken. 

Seit acht Jahren ist Hamburg und St. Georg meine neue Heimat. Ein Viertel mit Charakter, mit Geschichte und mit Menschen, die sich füreinander interessieren. Und ein Vierteil, das seit einigen Jahren sehr leidet. Das möchte ich aufhalten. Das Ladenlokal in der Langen Reihe sollte es sein. Aber die Mietvorstellungen der Vermieter waren absurd hoch. Also beschloss ich, mich davon nicht abbringen zu lassen. 

Also startete ich mit einem Online-Shop und entwickelte eine Idee, die mir viel besser gefällt, als jedes feste Ladenlokal: Pop-up-Fenster. Temporäre, punktuelle Präsenzen in St. Georg, wo Frau die Stücke anfassen, anprobieren und kaufen können. Keine fixen Kosten, die mich binden. Stattdessen: Kooperationen mit Gewerbetreibenden aus dem Viertel, die ich schätze und deren Räume zu Second Chapter passen. 

Der erste Partner zeigt sich überraschend schnell. Wir arbeiten aktuelle gemeinsam an der Umsetzung.

Danach kam der nächste Baustein. Nicht nur verkaufen, sondern Verbindungen herstellen zu Frauen, die wirken wollen. Die etwas bewegen. Die im Leben stehen und dabei gut aussehen möchten, ohne dafür Kompromisse bei Qualität oder Haltung zu machen. So entstand, fast von selbst, eine Veranstaltungsreihe mit bislang 26 Event-Themen, die gemeinsam mit Partnern als Kooperation umgesetzt werden sollen. 

Starke Frauen, Kein Gegensatz, sondern eine Haltung.

Parallel dazu begleite ich seit Jahren jüngere Frauen als Mentorin für MentorMe, eine Initiative, die berufliche und persönliche Entwicklung zusammendenkt. Auch das: virtuell ohne realen Kontakt. Und auch hier merke ich, wie mir diese Realität fehlt. Wie viel verloren geht, wenn Begegnung nur noch über Bildschirme oder das Telefon stattfindet. 

Was mich in den Gesprächen immer wieder bewegt: wie viel Potenzial in diesen Frauen steckt. Wie viel Klarheit, Energie und Wille, etwas zu verändern. Doch oft stehen Glaubenssätze im Weg oder es fehlt der Raum, sich zu entfalten. 

Ich glaube fest daran: Wir brauchen starke Frauen, um unser Land und unsere Gesellschaft aus diesen schwierigen Zeiten herauszuführen. Nicht gegen Männer, sondern gemeinsam mit ihnen, auf Augenhöhe. Das ist keine politische Aussage. Das ist meine Erfahrung aus drei Jahrzehnten in Unternehmen, aus den vielen Gesprächen mit Menschen, die Veränderung wollen aber nicht wissen, wie. 

Second Chapter ist auch ein Ausdruck dieser Überzeugung. Ein Ort, an dem Frauen sich begegnen. An dem Stil nicht Oberfläche ist, sondern Haltung. An dem Verbindung entsteht, zwischen Generationen, Erfahrungen. Ein Ort, an dem Aufbruch entsteht. 

Der Moment, in dem die Puzzlesteine zusammenfinden

Dreißig Jahre lang habe ich meinen Kunden geholfen, sich neu zu erfinden. Ich habe beobachten, analysiert, vorbereitet und begleitet. Und jetzt mache ich genau das für mich selbst. Mit allem, was ich in dieser Zeit gelernt habe: Demut gegenüber der Komplexität von Veränderung, Geduld mit dem Prozess und den Mut, es trotzdem zu wagen und sich einfach auf den Weg zu machen. 

Ich bin 60+. Ein Alter, bei dem viele auf die Rente hoffen. Ich nicht. Denn ich weiß, dass ich noch etwa ein Drittel meines Lebens vor mir habe. Ich stehe in der Blüte meines Lebens, mit mehr Erfahrung, mehr Klarheit und mehr Gespür, was wirklich zählt, als je zuvor. 

Second Chapter ist kein Plan B. Es ist kein Trösten nach der Karriere. Es ist ein bewusster Neuanfang mit Substanz, mit Wurzeln in St. Georg, mit echter Freude an Mode, Gestaltung und an den Menschen. 

Großartige Mode muss nicht neu sein. Nur gut. 

Ich freue mich über jede und jeden der dabei ist. Dieses neue Kapitel beginnt gerade erst.