HALTUNG · KÖRPER · WISSEN
Ein Büro, ein Winter, ein Verdacht
Im November 2007 zogen wir in neue Büroräume. Am ersten Tag sagte ich: Ich kann mich hier nicht konzentrieren. Niemand nahm das ernst. Ich selbst auch nicht.
In den folgenden drei, vier Monaten wurde es schlimmer. Meine Haut spannte. Meine Gedanken zerfaserten. Meine Stimmung kippte, ohne dass ich einen Grund fand. Dann kam ein Skiurlaub und mit ihm Tage ohne jedes Symptom. Am ersten Arbeitstag danach betrat ich das Büro. Nach zwanzig Minuten war das Spannen auf der Haut wieder da.
Ein Gutachter untersuchte das Gebäude. Sein Befund: Holzschutzmittel aus mehreren Generationen, verbaut über Jahrzehnte.
Was davon geblieben ist
Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. In einem Möbelhaus halte ich es kaum länger als zwanzig Minuten aus, dann spüre ich es. Bei einem Projekt in Manila, in Gebäuden mit Schimmelbelastung, war es ähnlich.
Mein Körper ist seitdem ein ziemlich zuverlässiges Messgerät.
Ein Heilpraktiker, der mich während der Entgiftung unterstützte, gab mir damals einen Rat, der mich zuerst irritierte: nicht zu oft neue Kleidung tragen. Auch neue Kleidung gebe Schadstoffe ab, über die Haut, über die Atemluft.
Ich habe nachgelesen. Er hatte einen Punkt.
Was die Forschung sagt
An der Universität Stockholm wurden Kleidungsstücke aus dem normalen Handel auf Chemikalien untersucht. Das Ergebnis: Mehrere Substanzen, die mit Gesundheitsrisiken in Verbindung stehen, wurden gefunden und nicht einmal Bio-Baumwolle war eine Garantie für schadstofffreie Textilien. Die höchsten Konzentrationen von zwei der untersuchten Stoffgruppen fanden die Forschenden in Polyester.
Eine Folgestudie der gleichen Gruppe ging der Frage nach, ob solche Stoffe den Weg in den Körper finden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Benzothiazol. Eine der häufigsten Verunreinigungen in Kleidung, aus dem Schadstoffe freigesetzt werden, die Haut durchdringen und in den Körper gelangen kann.
Waschen hilft, aber langsamer, als man denkt. Weil die Konzentrationen beim Waschen nur allmählich sinken, bleiben erhebliche Mengen lange im Textil.
Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung rät, neue Kleidung zu waschen, bevor man sie trägt, mit einer einfachen Begründung: Beim Kauf ist nicht zu erkennen, ob ein Textil Chemikalien abgibt, und wenn ja, welche. Gleichzeitig sagt das Institut ehrlich: Die meisten Kleidungsstücke gelten heute als unbedenklich, aber Menschen mit Hauterkrankungen oder kleine Kinder können empfindlich reagieren.
Das ist kein Grund zur Panik. Aber ein Grund, genauer hinzusehen.
Ein Nachmittag zwischen Etiketten
Gestern stand ich im Flagship-Store einer großen Dessous-Marke. Ich habe jedes Etikett gelesen, das ich finden konnte. Kein einziges Stück aus Naturmaterial. Polyester, Polyamid, Elasthan. Zu Preisen, bei denen ich Seide oder Baumwolle erwartet hätte. Und das bei Stücken, die wir enger auf der Haut tragen als alles andere.
Ich war schockiert. Überrascht hätte ich nicht sein dürfen: 2024 machten synthetische Fasern 69 Prozent der weltweiten Faserproduktion aus, Polyester allein 59 Prozent.
Wir umgeben uns mit immer mehr Neuem. Und immer weniger davon ist aus dem, was wächst.
Warum ich pre-owned trage und verkaufe
Ein ehrliches Wort vorweg: Second Hand ist nicht automatisch schadstofffrei. Das zu behaupten, wäre ein leeres Versprechen.
Aber ein Stück, das bereits getragen und viele Male gewaschen wurde, hat die intensivste Phase hinter sich. Was an Ausrüstung und Rückständen aus der Produktion übrig war, ist zu einem guten Teil längst gegangen. Und bei hochwertigen Klassikern finde ich auf den Etiketten viel öfter, was ich suche: Schurwolle, Seide, Baumwolle, Leinen.
Seit ich Second Chapter in Hamburg aufgebaut habe, lese ich Etiketten anders. Jedes Stück, das in meine Kuration kommt, prüfe ich auch auf seine Materialzusammensetzung. Nicht, weil pre-owned Luxus ein Gesundheitsversprechen ist. Sondern weil ich weiß, was es heißt, wenn der eigene Körper Nein sagt.
Das gilt übrigens nicht nur für Kleidung. Möbel, Teppiche, Vorhänge, alles, was neu in unseren Alltag kommt, bringt etwas mit.
Hören Sie hin
Ich wünsche niemandem, dass der eigene Körper erst laut werden muss. Aber vielleicht lohnt sich ein Blick auf das Etikett, bevor Sie das nächste Stück kaufen. Und die Frage, ob es wirklich neu sein muss.
Wenn Sie wissen möchten, woraus ein Stück bei Second Chapter besteht: Sie finden die Materialangaben in der Produktbeschreibung.
Ihr Körper weiß oft früher Bescheid als jedes Gutachten.
— Christa, Gründerin Second Chapter
Quellen
Stockholm University (2015): Toxins remain in your clothes. sciencedaily.com/releases/2015/10/151023084508.htm
Luongo, G. (2015): Chemicals in textiles – A potential source for human exposure and environmental pollution. Dissertation, Stockholm University.
Chemicals from textiles to skin: an in vitro permeation study of benzothiazole. Environmental Science and Pollution Research (2018).
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Suna Nicolai – zitiert in: „Neue Kleidung: besser erst mal in die Waschmaschine“, presseportal.de
NZZ: „Sollte ich Kleidung vor dem ersten Tragen unbedingt waschen?“ (mit Stellungnahme des BfR)
Textile Exchange: Materials Market Report 2025.